Die Schatzkammer der Grundrechte ist eröffnet

(Autorin: Judith Galler)

Am 8. Mai 2026 fiel der Startschuss für die Veranstaltungsreihe „Schatzkammer Grundrechte“ – bewusst an einem geschichtsträchtigen Datum. Der Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945 steht wie kaum ein anderer Tag für den Übergang vom nationalsozialistischen Unrechtsstaat hin zu einer demokratischen Gesellschaft, deren Fundament bis heute die im Grundgesetz verankerten Grundrechte bilden.

Mit eindrucksvollen Vorträgen, musikalischen Beiträgen und interaktiven Elementen wurde bei der Auftaktveranstaltung deutlich: Demokratie und Menschenrechte sind keine Selbstverständlichkeit, sondern Werte, die immer wieder neu vermittelt, gelebt und verteidigt werden müssen.

Vom Schweigen zum Erinnern

Die renommierte Kulturwissenschaftlerin Prof. Dr. Aleida Assmann, emeritierte Professorin der Universität Konstanz, beleuchtete in ihrem Vortrag den tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel nach dem Ende des Nationalsozialismus. Sie machte deutlich, dass die deutsche Bevölkerung nach 1945 vor einem radikalen Werteumbruch stand. Das NS-Regime habe auf Feindbildern und Ausgrenzung basiert; Millionen Menschen seien ihrer Rechte beraubt und verfolgt worden.

Vor diesem Hintergrund sei es vielen Deutschen zunächst schwergefallen, die Niederlage von 1945 als Befreiung zu verstehen. Statt einer offenen Aufarbeitung habe sich zunächst eine lange Phase des Schweigens entwickelt – sowohl innerhalb der Familien als auch in der Öffentlichkeit. Der Fokus der Nachkriegszeit habe vielfach stärker auf wirtschaftlichem Wiederaufbau und technischem Fortschritt gelegen.

Eine entscheidende Wende markierte nach Ansicht Assmanns die berühmte Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985. Mit seiner Bezeichnung des 8. Mai als „Tag der Befreiung“ habe er einen Perspektivwechsel eingeleitet: weg von der reinen Niederlagenerzählung, hin zu Erinnerung, Verantwortung und demokratischem Selbstverständnis. Erst dadurch hätten auch die Stimmen von Schoah-Überlebenden zunehmend Gehör in der deutschen Öffentlichkeit gefunden.

Prof. Dr. Assmann appellierte eindringlich daran, die Grundrechte nicht als selbstverständlich anzusehen. Vielmehr seien sie ein historisch hart errungenes Gut und ein Geschenk, das geschützt, verteidigt und zugleich gefeiert werden müsse.

Das Grundgesetz als Lehre aus der Geschichte

Dr. Raphael Schäfer vom Heidelberger Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht widmete sich den juristischen und historischen Grundlagen des Grundgesetzes. In seinem Vortrag zeigte er auf, welche Prinzipien den demokratischen Rechtsstaat tragen und wie das Grundgesetz bewusst so ausgestaltet wurde, dass eine Unrechtsjustiz wie während der NS-Zeit künftig verhindert werden soll.

Dabei wurde deutlich, dass die Grundrechte nicht isoliert betrachtet werden können, sondern Teil eines umfassenden Schutzsystems sind, das Demokratie, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit dauerhaft sichern soll.

Demokratie lebt vom Mitmachen

Auch Oriana Viveros de Moraes-Gradl vom Bündnis für Demokratie und Toleranz Wiesloch e. V. hob in ihrer Ansprache hervor, wie wichtig die Weitergabe demokratischer Werte an die nächste Generation ist. Deshalb richtet sich die Veranstaltungsreihe bewusst auch an junge Menschen und bindet Schulen aktiv ein.

Passend dazu fand die Auftaktveranstaltung in der Esther-Bejarano-Gemeinschaftsschule statt. Schülerinnen und Schüler stellten die Lebensgeschichte ihrer Namenspatronin Esther Bejarano vor und setzten damit ein starkes Zeichen für Erinnerungskultur und gesellschaftliche Verantwortung.

Musikalisch begleitet wurde der Abend von Jutta Werbelow und Thomas Lembke, die gemeinsam mit den Beiträgen der Schülerinnen und Schüler für einen würdigen und bewegenden Rahmen sorgten.

Austausch ausdrücklich erwünscht

Die Veranstaltungsreihe versteht sich nicht nur als Vortragsformat, sondern als Raum für Dialog und Beteiligung. Projektleiter Wolfgang Widder moderierte deshalb das interaktive Format „Zwei Fragen – zwei Meinungen“, bei dem das Publikum aktiv eingebunden wurde.

Der große Zuspruch zur Auftaktveranstaltung zeigte eindrucksvoll, wie relevant die Auseinandersetzung mit Demokratie, Erinnerungskultur und Grundrechten heute ist. Gleichzeitig machte der Abend neugierig auf die weiteren Veranstaltungen der Reihe – und auf die vielen Fragen, die sich daraus für Gegenwart und Zukunft ergeben.